Zurück an den Verhandlungstisch

Zu den seltsamen Zufällen in meinem Leben gehört es, dass zwei meiner besten Freunde Betriebsräte in international führenden Konzernen sind. Während der eine seinen Job von 8:45 bis 17:30 Uhr (halbstündige Mittags- und 15 Minuten Kaffeepause inklusive) mit Blick auf die Altersteilzeit stoisch erledigt, ist der andere ein geradezu besessener Kämpfer für die Rechte der Arbeitnehmer.

 

Er ist gefürchtet bei den Arbeitgebern, geliebt und bewundert bei den Kollegen – und allseits bekannt für die nie enden wollende Kraft in Diskussionsrunden und Lohnverhandlungen, für seine urwüchsige rhetorische Brillanz und das authentische Empfinden von Gerechtigkeit und Fairness.

 

"Ein guter Mann", pflegen selbst seine schärfsten Kritiker zu sagen. Und vielleicht waren es diese Masse an Lob oder auch die Natur eines leidenschaftlichen Missionars, die ihn zum entscheidenden Fehler verführten: Er ließ seine Familie an seiner Arbeit teilhaben.

 

Am Frühstückstisch gab es Lektionen zu Rechten und Pflichten, zur Mittagspause waren es Erläuterungen zu den einzelnen Mitteln des Betriebsrats. Die Details über Ausschüsse bis Warnstreik waren dem Abend vorbehalten, ebenso wie Biografisch-Historisches über siegreiche Schlachten im Dienste der Arbeitnehmer.

 

Kein Zweifel: Betriebsrat zu sein, bedeutet viel Arbeit. Im Falle des Freundes allerdings auch, dass er den Vorgängen in seiner Familie zu wenig Aufmerksamkeit zollte. Denn die war gelehrig – und zettelte die Revolution an. Oder besser gesagt: Seit einem Monat gibt es dort einen Betriebsrat.

 

In einer harmlos scheinenden Diskussion wurde der Überzeugungstäter zur Aussage provoziert, eine Familie sei nichts anderes als ein Betrieb. Wenig später trat im Hause meines Freundes das Betriebsverfassungsgesetz in Kraft. Noch am selben Abend wurden der Betriebsrat und der studierende, aber noch daheim lebende Sohn zu dessen Vorsitzenden gewählt.

 

Bis dahin fand mein Freund es noch lustig, fühlte sich sogar ein wenig geschmeichelt.

 

Am Tag darauf aber wurde er noch vor der zweiten Tasse Frühstücks-Kaffee von der Sprecherin des Arbeitskreises "Leistungsentgelt" zur Rede gestellt: Seine halbwüchsige Tochter verlangte für sich, ihre beiden Brüder und die Mutter eine leistungsgerechte und geregelte Entlohnung. Die anschließende Diskussion über Inhalt und Umfang der Leistung führte ohne Umschweife zum ersten Warnstreik: Kein Kaffee mehr.

 

Arbeitszeitmodelle, EDV-Versorgung, Beurteilungswesen, Arbeitsabläufe, Urlaubsgrundsätze und Arbeitsschutz waren nur einige Themen, die mein Freund in den kommenden Wochen nicht nur in der Arbeit, sondern auch im eigenen Haus zu verhandeln hatte. Immer mehr verließen ihn die Kräfte, die Nerven und vor allem die Argumente.

 

Und als der teil-invalide Großvater nicht nur eine Schwerbehindertenvertretung organisierte, sondern gleich noch mehrere Sachverständige aus seinem Seniorenheim zu den Themen "Verpflegung" und "Betriebssport" hinzu zog, schien der Arbeitskampf unvermeidlich – zumal parallel dazu die Tarifverhandlungen mit der Ehefrau ins Stocken geraten waren und die Kinder die ersten Pläne für eine "Nachfolgeregelung in der Familien-Geschäftsführung" vorlegten.

 

Wie es ausging?

 

Noch sind konkrete Ergebnisse nicht in greifbarer Nähe. Die Parteien haben beschlossen, in der nächsten Woche wieder an den Verhandlungstisch zurück zu kehren. Immerhin.

 

 

c/o Bernhard Krebs, 2015

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